Ein Lied für den Martin - Lükes liebes Leben

Am Samstag durfte ich die Hand des großen Jean Ziegler schütteln. Gleich mehrfach. Ich wasch´ die jetzt nicht mehr. Nicht wegen des honorigen Schweizers, aber Ziegler hat in den 50er Jahre mal ein paar Tage lang den veritablen Ché Guevara durch Genf kutschiert. Dabei wird es doch sicherlich mal zu einem warmen Händedruck gekommen sein. Am Tag drauf fiel schon der nächste Sonenstrahl in mein Leben. Ist ja immer wieder trötstlich, wenn unsereins feststellt, dass er am heiligen Sonntag nicht allein am Schreibtisch sitzt. Markus Engels und Juliane Seifert haben gestern jedenfalls auch gearbeitet. Die beiden muss man jetzt nicht unbedingt so kennen. Sind ja keine Südstädter. Aber sicher ehrenwerte Menschen. Vermute ich mal. Jedenfalls leiten sie die Kampa 17 der SPD für die kommende Bundestagswahl. Letzten Montag hat die Wahlkampftruppe in Berlin ihre Arbeit aufgeommen und nur sechs Tage später haben der Markus und die Juliane auf dem YouTube-Kanal der Genossen kurz nach Mittag ein echtes Gänsehaut-Video rausgehauen. Natürlich geht’s darin um Martin Superstar, unseren Mann aus Würselen. Wofür er jetzt nun wirklich nix kann.

Er ist leidenschaftlich

Das Video aus der Kampa ist jedenfalls mit „Einer von uns. Martin Schulz“ betitelt und darin sieht man, wie Martin Schulz einer von uns ist (Wer auch immer „wir“ jetzt sein sollen.). Martin schüttelt freundlich Hände in der Fußgängerzone, besucht arbeitende Arbeiter am Arbeitsplatz, Martin spricht vor Menschen und vor allen Dingen hört der Martin ganz doll zu und nickt dabei (Gibt´s in katholischen Gotteshäusern eigentlich noch Nick-Neger? Bei uns im Dorf hatten wir früher einen. Aber das  führt jetzt vom Thema ab). Zu den Bildern vom Martin werden alle paar Sekunden Schrifttafeln eingeblendet, denen in 66 Sekunden folgende Informationen zu entnehmen sind: „Er sagt, was er denkt“. „Er ist glaubwürdig“. „Er überzeugt“. „Er begeistert“. „Er ist vertrauenswürdig“. „Er kann zuhören“. „Er versteht die Menschen“. „Er hat Kopf und Herz“. „Er ist leidenschaftlich“. „Er ist nicht zu bremsen“. „Er ist einer von uns“.

 

Kampa-Musik

 

Das könnte der Martin natürlich auch selbst vortragen, doch das würde vielleicht doch etwas eitel wirken. Aber man würde ihn ohnehin nicht verstehen. Rein akustisch nicht. Denn zu den hübschen Bildern dröhnt eine gerockte Dumpf-Mucke, zu der ein martialisch röhrender Sänger (auf Englisch) was von einem Güterzug knödelt, der sich nicht aufhalten lasse und dass da demnächst echt ein Change kommen täte. Keine Ahnung, wie der Song heißt und von wem er stammt. Auch die einschlägigen Erkennungs-Apps zucken nur ratlos mit den Schultern. Sollte es sich da womöglich um eine originäre Auftragskomposition der Kampa handeln? Ein Lied für Martin, sozusagen? Genial!  Zumindest kam gestern mein (noch nicht wahlberechtigter) Junior damit ums Eck und erklärte: „Das musst du dir ansehen. Das glaubst du nicht!“ Also, liebe Sozen, wenn ihr euch mit diesem grandiosen Clip bei jüngeren Wählerschichten unsterblich machen wolltet, habt ihr einen echten Coup gelandet. Vielleicht bis zur Wahl noch zwei, drei von solchen jugendaffinen Granaten raushauen und das Ding ist für den Martin geritzt.

Heulen auf 7 Brücken

Am Freitag war mir hingegen echt zum Heulen zumute. Hab´ ich den Großen Zapfenstreich für Pastor Gauck verfolgt. Schwerst geschnauft hat er, ein Tränchen verdrückt, aber zwischendurch auch mal ein Lächeln rausgepresset. Jedenfalls bei den 7 Brücken, über die man gehen muss, um irgendwann irgendein heller Schein zu sein. Nun ist Musikgeschmack vielleicht nicht unbedingt das wesentliche Kriterium, um die Qualifikation von Politikern zu beurteilen, aber ich halte -schon im eigenen Interesse- daran fest, dass der irgendwas mit Intelligenz zu tun hat. Und wenn man sich anschaut, was sich unsere zapfengestreichten Präsidenten, Kanzler und Verteidigungsminister (nur die bekommen solch eine Sause) aus dem Bereich der Populärmusik so alles gewünscht haben, kann man echt das Gruseln bekommen. In früheren Jahrzehnten, hielten sich unsere Volksvertreter noch weitgehend an jenen Kanon, den Militärkapellen nunmal so draufhaben: Märsche. Roman Herog nahm gleich drei aus der Gattung, Johannes Rau wollte Elgars „Pomp and Circumstance“ und der vom SPIEGEL zurückgetretene Franz Josef Strauß machte es im November 1962 ganz pfiffig und bestellte u.a. den „Starfighter Marsch“.

 

Das möchte man für einen Witz halten, aber den gibt´s wirklich. (Spät Geborene mögen „Starfighter“ bitte googlen.) Strauß hatte als Verteidigungsminister die Hymne auf den neu erworbenen Kampfflieger des Bundeswehr höchstselbst ein Jahr zuvor bei Komponist Gerhard Winkler in Auftrag gegeben. Nie was von Winkler gehört?  Doch. Die Filmmusik zu „Klein Erna auf dem Jungfernstieg“ hat er ebenfalls komponiert. Nö? Nie gesehen, nie gehört? Dann aber doch wenigstens die „Caprifischer“. Waren auch von ihm. Im Nachhinein hatte dieser „Starfighter-Marsch“ bei Strauß´ Demission ja durchaus was Tragikomisches. Nachdem er zum Abgang des Bayern intoniert worden war, fielen die vertonten Flieger reihenweise vom Himmel. Ohne Feindeinwirkung.

Smoke on the Starfighter

Aber ich schweife ab. Zurück zu den Zapfenstreichen. Birne wählte so einfalls- wie risikolos Beethovens „Ode an die Freude“, Peter Struck standesgemäß den SPD-Evergreen „Wenn wir schreiten Seit an Seit“ und sein Parteifreund Scharping griff nach seiner Malle-Pool-Affäre zum Marsch „Stars an Stripes forever“. Richtig peinlich wurde es aber dann mit Franz Josef Jung. Auch der hat uns mal verteidigt und ging (wie Henry Maske) mit der Mega-Schnulze „Time to say Goodbye“. Von da an gab´s kein Halten mehr. Kosmopolit Schröder ließ „Summertime“ und „My Way“ blasen und unser aller von Gutti, Karl Theodor fand es irre progressiv, die behelmten Bläser vorm Schloss Bellevue „Smoke on the Water“ tuten zu lassen.

Was für eine coole Sau, der Theo. Aber den Vogel hat fraglos Truppenbefehler Thomas de Maizière 2011 abgeschossen, dessen exquisite Wahl nach Durchhören seiner Plattensammlung wahrhaftig auf den Après-Ski-Gassenhauer „Live is life“ fiel, dessen Text ihn offenbar tief beeindruckt hatte. Doch demnächst sind ja mit Zapfenstreich bei uns vermutlich erstmals ein paar Damen dran. Große Hoffnungen muss man sich vermutlich aber auch da nicht machen. Die Von der Leyen schwankt vielleicht zwischen getrötetem Streich-Quartett und „Leichtes Gepäck“ und Angie könnte „Atemlos“ oder aber den Puhdys-Kracher „Was vom Leben bleibt“ wählen. Bis sich dieser Ausbund an lächerlich deutscher Provinzialität neuen Ausdruck verschafft, kann man sich mit Obamas zweistündigen Video „Jazz at the White House 2016“ trösten, bevor demnächst womöglich die Reihe „Schunkeln im Bellevue“ live im MDR übertragen wird.
 


Wer hat das geschrieben?

Von Reinhard Lüke hat jeder schon einmal etwas gelesen, der den "Stadtanzeiger" aufgeschlagen hat. Reinhard kritisiert...

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