Magische Momente?


Wie so viele meiner Geschichten fängt auch diese im Taxi an. Vollbesetzt wie immer geht es von Ohrigstad zurück nach Kgautšwane. Ich sitze ganz hinten, neben mir ein junger Mann im Casual-Business-Outfit, er spielt an seinem Blackberry, kommt gerade von der Arbeit aus Mashishing: Ein moderner junger Mann.


Einfahrt in Kgautšwane. Wir halten das erste Mal, jemand möchte aussteigen. Am Fenster rechts taucht ein alter Mann auf, er winkt uns grinsend zu. Auf unsere Begrüßung hin antwortet er nicht, sondern grinst einfach weiter. „He was banned by a witch“, behauptet der junge Mann neben mir. Er habe sich schlecht verhalten und sei deswegen jetzt verhext. Ich warte, dass er anfängt zu lachen. Dann merke ich: Der junge Business-Mann meint das wirklich ernst. Eine Einzelmeinung?

Hüter des Gesetzes?


Bulle ist nicht gleich Bulle. In Kgautšwane laufen gleich zwei Typen von ihnen herum; der eine trägt Fell, der andere Uniform. Und auch das nur manchmal. Nicht selten passiert es, dass aus einem der Einsatzwagen Männer und Frauen in Zivil aussteigen, Dienstwaffe tragen und Polizeiarbeit machen. „They don’t like to wear uniforms“, sagte mir einmal Mama Clara, „because they do not like their job.” Den Eindruck habe ich nach neun Monaten Südafrika auch; und nicht nur das unterscheidet die südafrikanischen Polizisten von den meisten ihrer deutschen Kollegen.

M&F


„Nachts kann man kaum noch durch den Stadtpark gehen - Denn Männer und Frauen sind das nackte Grauen, wie sie sich stundenlang tief in die Augen schauen“, sangen vor nicht allzu langer Zeit die Ärzte in ihrer Single „M&F“. Für sie wären das ländliche Afrika und Kgautšwane das Paradies: Einen Stadtpark gibt es erst gar nicht - und Beziehungen zwischen Mann und Frau, die über reine Freundschaft hinaus gehen, sind in der Öffentlichkeit tabu.


Ich unterrichte Englisch in einer siebten Klasse – durch häufiges Sitzenbleiben sind die Kinder zum Teil 15 oder 16 Jahre alt. Eines Tages herrschte Aufregung in meinem Büro: Eine Kollegin hatte eine 15-Jährige und ihren Freund aus der benachbarten weiterführenden Schule gesehen, wie sie händchenhaltend die Straße entlang gingen. Sie fühlte sich belästigt – und beschwerte sich bei den beiden. Und da steht nun der Schüler in Demut versunken bei uns im Büro und überreicht der Kollegin einen Brief, in dem er sich offiziell bei ihr entschuldigt. Sie nimmt an, er darf gehen.

Auf Achse


Kapstadt, viertel nach acht. Am Taxi begrüßt uns ein kleiner Mann mit Mantel und Gepäckwagen. „I will bring it for you to the train!“, verkündet er. Wir sind skeptisch, doch der Taxifahrer beruhigt uns: “He works for the railway, you can trust him” Wir laden das Gepäck auf und eilen in den einstigen Stolz Kapstadts: Den Hauptbahnhof.

Auf Achse


Kapstadt, viertel nach acht. Am Taxi begrüßt uns ein kleiner Mann mit Mantel und Gepäckwagen. „I will bring it for you to the train!“, verkündet er. Wir sind skeptisch, doch der Taxifahrer beruhigt uns: “He works for the railway, you can trust him” Wir laden das Gepäck auf und eilen in den einstigen Stolz Kapstadts: Den Hauptbahnhof.


Unser Ziel: Der tägliche Zug nach Johannesburg. Abfahrtszeit ist in zwei Stunden, zwei Stunden vorher sollten wir da sein, hatte man uns geraten. Am Ticketschalter angekommen, wissen wir warum: Eine sehr lange Schlange hat sich gebildet, rund um den Eingang zum Gleis stehen Menschen und Massen von Gepäck.
Ich reihe mich ein. Aus einer Tür tritt ein rundlicher Weißer mit Brille. „Ladies and Gentlemen! The train for today is fully booked! We do not have space anymore.” Zum Glück haben wir vorher gebucht, denke ich mir. Schon bildet sich eine Menschentraube um den Mann, der eine Art Stationsvorsteher zu sein scheint. Die Menschen reden auf ihn ein, wedeln mit Papier. „You can come back tomorrow“, ruft er in die Menge.

Beat it


Die Tür geht auf, drei oder vier Schüler kommen herein, einer von ihnen weint, die anderen reden aufgeregt auf Sepedi. Aletta und Yvonne unterbrechen ihre Arbeit und setzen eine böse Miene auf. Dann gibt es zehn Minuten lang aufgeregtes Herumgeschreie von Lehrern und Schülern, ab und an werden andere als Zeugen herbeigerufen, die weisen meist alle auf denselben, scheinbar Schuldigen - und irgendwann fällt das Urteil.

Eine der beiden zieht einen Stock hervor, der Schüler beißt die Zähne zusammen, dann gibt‘s, Piff-Paff, zwei oder mehr Schläge auf die Hand oder den Hintern. Der Schüler geht, die Lehrerinnen arbeiten weiter oder lachen sich über irgendwelche Rund-SMS von Kollegen kaputt. Den Fall der Schüler haben sie nach fünf Minuten wieder vergessen. So ein Szenario in Deutschland? Undenkbar.

Traum und Trauma


Wir verriegeln die Türen unseres Ford Ranger-Mietwagens von innen und halten an der Ampel in Soweto. Ein Straßenhändler wedelt mit Sonnenbrillen, ein anderer mit Uhren, ein dritter sammelt Müll ein - gegen Entgelt. Wir stieren geradeaus. Wir, das sind meine Eltern, meine Schwester und ich. Endlich, grün.

Taxi Driver


Schon kurz nach eins an der TOTAL-Tankstelle in Mashishing. Ich werde langsam nervös. Aus den Lautsprechern dröhnt seit Stunden „Jacaranda FM“; immer wieder kommen Autofahrer, kaufen sich Burger, verzehren sie hastig und fahren wieder weg. Ich spreche den Tankwart an: „I am waiting for a Taxi to Johannesburg – it was supposed to be here at 12:30. Did you see it?” Nein, hat er nicht. Ich rufe Piet an. Piet ist selbst Taxifahrer und hat mir die Fahrt organisiert. Aber Piet geht nicht ran. Endlich klingelt mein Handy, und er ist dran. „The taxi already passed and is on it’s way!“, sagt er.

Was jetzt? „You need to go to Jozy (Johannesburg) today?“, fragt der Tankwart. Ja, das muss ich auf jeden Fall, denn meine Eltern landen am nächsten Morgen am Flughafen. Langsam wird es Zeit, sonst schaffe ich es nicht mehr rechtzeitig. „I promise: You will be in Jozy tonight!“, verkündet der Tankwart. Fünf Minuten später winkt er aufgeregt von der Straße – ein Taxi steht am Straßenrand. „Have a safe trip!“, ruft mein Helfer. Der Fahrer ist durch Zufall auf dem Weg nach Johannesburg. Ich atme auf, und tatsächlich: Gegen halb sechs sind wir da. „Da“ heißt in diesem Fall: An der Park Station.

Pädagogenkram


Meine Heimat kommt nach Kgautšwane: Abends trifft das Taxi von Fahrer Pete ein, und heraus klettern - etwas angeschlagen - Frau Gress und Frau Horn von Volunta. Das ist die Organisation, die uns alle hierher geschickt hat. Ich persönlich hatte Volunta in den vergangenen vier Monaten eher ausgeblendet - jetzt auf einmal die beiden Mitarbeiterinnen wiederzusehen - ich hatte sie zuletzt Mitte August in Frankfurt am Main getroffen -, das katapultiert mich zurück in mein altes Leben.
Mama Clara sitzt derweil in ihrer Hütte und guckt Fernsehen. Als sie hört, dass er Besuch eingetroffen sind, bittet sie zur Audienz: Die beiden Frauen treten Mama Clara - ähnlich wie wir - mit einem gewissen Respekt entgegen. „You are welcome!“, verkündet die Center-Chefin und weist ihnen ihre Rundhütten zu.

Hakenkreuze im Hinterland


„Südafrika – ein Land der Kontraste“ - oft habe ich das vor meiner Abreise auf Plakaten gelesen. Im Augenblick bemerke ich tatsächlich das erste Mal Gegensätze – allerdings nicht die von den Plakaten.
Für mich tritt ein Kontrast besonders in Erscheinung – der zwischen Arm und Reich, zwischen Weiß und Schwarz. Während ich dies schreibe, sitze ich in einem Ledersessel am Schreibtisch eines technisch top ausgestatteten Büros in Pretoria. Vor der Haustür ist der Rasen millimetergenau gemäht, vom Fenster aus kann ich fünf Neuwagen erkennen. Um überhaupt hierher zu kommen, mussten wir unser Taxi am Eingang registrieren, zwei Schlagbäume passieren und uns den Blicken der Sicherheitsmitarbeiter aussetzen – willkommen in einer „Gated Community“. Wir wohnen hier bei deutschstämmigen, weißen Südafrikanern, die über drei Ecken mit Mama Clara bekannt sind und ziemlich luxuriös wohnen: Pool, Multimedia-Systeme, Designer-Küche.