Carolin Genreith

"Mein Vater war mir peinlich"

Was tut man als Frau, wenn man vom geschiedenen Vater eine Urlaubskarte aus Thailand bekommt, auf der er mitteilt, er habe sich in eine junge Einheimische verliebt, die er womöglich zu heiraten gedenke? Man lässt die Karte verschwinden und findet den Vater, der offenbar als Sex-Tourist unterwegs ist, peinlich. Genau das hat Carolin Genreith auch getan. Doch zwei Jahre später hat sie beschlossen, einen Film über ihren Vater Dieter, seine thailändische Frau Tukta und nicht zuletzt sich selbst zu machen. Zum Glück. Denn ihr in jeder Hinsicht sehenswerter Dokumentarfilm „Happy“ ist eine wunderbare, schonungslos ehrliche, aber bisweilen auch zum Brüllen komische Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Glück. Reinhard Lüke sprach mit Carolin Genreith am Montag im Odeon, wo der Film ab heute zu sehen ist.

 

Meine Südstadt: Zittern Ihre Geschwister schon?

Carolin Genreit: Warum sollten sie?

 

In ihrem Debutfilm „Die mit dem Bauch tanzen“ haben Sie Ihre Mutter porträtiert und in „Happy“ ist nun ihr Vater an der Reihe...

Ich denke, meine Geschwister haben da nichts zu befürchten. Aber sollte meine Schwester, sie ist Hebamme, mal Fünflinge auf die Welt holen, will ich nichts ausschließen.

 

Gab es einen konkreten Anlass oder einen bestimmten Tag, der Sie veranlasst hat, diesen Film zu drehen?

Den gab es. Als ich bei meinem Vater zu Besuch in der Eifel war, er mit Tukta auf Thailändisch telefonierte und mir klar wurde, wie ernst es ihm war. In dem Moment habe ich, glaube ich jedenfalls, beschlossen, den Film zu machen. Auch wenn ich solche Entscheidungen immer eher aus dem Bauch heraus treffe.

 

Es war also nicht bereits bei der Postkarte, auf der Ihr Vater Ihnen mitteilte, er habe sich in eine Thailänderin verliebt, die in Ihrem Alter sei?

Nein, nein. Die Karte habe ich erstmal ganz tief in meinen Papieren vergraben und niemandem davon erzählt, weil es mir total peinlich war. Mein Vater als Sex-Tourist, der auch noch von Liebe schwafelt – das ging gar nicht. Und besonders innig war unsere Beziehung zu dem Zeitpunkt ohnehin nicht.

 

War von vornherein geplant, dass Sie auch sich selbst so persönlich in den Film einbringen würden?

Schon. Anders hätte ich mir das gar nicht vorstellen können. Schließlich war klar, dass ich mich im Film mit meinem Vater auseinandersetzen, mit ihm diskutieren würde. Das hätte ich ich ja schlecht aus dem Off machen können, ohne dass es albern gewirkt hätte.

 

Wie lange hat ihr Vater gebraucht, um dem gemeinsamen Projekt zuzustimmen?

Fünf Sekunden...

 

Ist nicht wahr...

Doch. Zum einen kannte er meine bisherigen Filme und fand sie gut. Von daher hatte er schon das Vertrauen, dass ich ihn nicht vorführen würde. Zum anderen hat er, denke ich, so etwas wie eine Bühne gesucht, auf der er sich und seine Sicht der Dinge einmal darlegen konnte. Zudem hat ihn einfach die Aussicht gefreut, eine längere Zeit mit mir zu verbringen.

 

 

Hatte er überhaupt keine Bedenken, sich so einer großen Öffentlichtlichkeit preiszugeben?

Nein. Was andere Leute über ihn denken, war ihm schon immer völlig egal. Er ist auch in seinem Dorf nicht sonderlich integriert, gehört keinem Verein an und nimmt am öffentlichen Leben kaum teil. Was für mich als Kind und Jugendliche nicht immer einfach war.

 

Trotzdem fragt man sich in manchen Szenen, ob Sie ihn nicht vor sich selbst hätten schützen müssen. Etwa, wenn er in knapper Unterhose die Gänse auf die Wiese treibt...

Ich war froh, dass er überhaupt eine an hatte. Doch so ist er nunmal. Aber natürlich habe ich ihn auch vor sich selbst geschützt. Es gab beim Dreh mehrere Szenen und Aussagen, bei denen mir bewusst war, dass ich sie nicht verwenden würde. Das ist halt immer eine Gratwanderung.

 

Hat er daheim wirklich ein Pin-Up-Poster über seinem Bett hängen, das man in einer Einstellung im Hintergrund sieht?

Sie sind der erste, dem das aufgefallen ist...

 

Mann, halt...

Das hing da wirklich und es hängt da auch nach seiner Hochzeit noch.

 

War von Beginn an klar, dass Sie mit nach Thailand fliegen würden?

Schon. Schließlich wollten Tukta und mein Vater dort heiraten. Ich wollte sie natürlich kennenlernen und auch ihre Sicht der Dinge im Film haben. Es wäre mir absurd erschienen, wenn ich die ganze Zeit nur mit meinem Vater in der Eifel am Küchentisch gesessen und diskutiert hätte.

 

Wieso passiert der Übergang von der Eifel nach Fernost im Film so gänzlich unvermittelt?

Ehrlich gesagt: Mir ist nichts besseres eingefallen. Ich wusste nur, dass ich die üblichen Bilder vom Kofferpacken und Fahrt zum Flughafen nicht wollte. So hab´ ich mich dann für einen simplen Schnitt entschieden.

 

Es gibt eine Szene, in der sie in Thailand auf der Dorfstraße Tuktas kleinen Sohn Tui fragen, wie er es findet, dass seine Mutter demnächst ohne ihn nach Deutschland zieht. Das mutet irgendwie brutal an. Was soll der Junge vor laufender Kamera dazu groß sagen? Musste das sein?

Ich finde schon. Schließlich war mein Vater der Ansicht, das sei eine Sache zwischen Mutter und Sohn und Tukta hat das Problem auch eher heruntergespielt. Vor diesem Hintergrund war es mir wichtig, ihn selbst zu fragen, da ihm anzumerken war, dass ihn der Weggang seiner Mutter nicht gleichgültig lassen würde.

 

Wieso der Titel „Happy“? Da vermutet man doch eine launige Geschichte mit Happy End, das ihr Film ja nicht wirklich hat.

Auf den Titel bin ich sehr früh gekommen, als ich in der Küche meines Vaters die Klebezettel an der Wand gesehen habe, auf denen er das thailändische Wort für „glücklich“ notiert hatte. Und schließlich geht es im Film ja zentral um die Suche nach Glück. Auch wenn er zu diesem Thema sicherlich mehr Fragen aufwirft als er beantwortet.

 

Wie sieht es aktuell mit dem Eheglück aus?

Tukta ist seit Oktober letzten Jahres in der Eifel, büffelt Deutsch, nimmt an Integrationskursen teil und hasst den Winter. Doch demnächst wird sie für ein paar Monate ohne meinen Vater nach Thailand fliegen, da der noch nicht in Rente ist und arbeiten muss.

 

Frau Genreith, vielen Dank für das Gespräch.


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Von Reinhard Lüke hat jeder schon einmal etwas gelesen, der den "Stadtanzeiger" aufgeschlagen hat. Reinhard kritisiert...

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